Gestrandet in Kildrin

Ich hatte die Goldmünze des Kapitäns nicht gestohlen. Ich hatte noch nie etwas gestohlen und würde auch nie etwas stehlen. Was anderen Menschen gehörte, war mir heilig.

Ich hatte doch nur nachsehen wollen, wohin die Reise ging. Wir sollten nach Nordheim fahren, weil es dort eine Handelsbeziehung gab. Ich wollte nur sicher gehen. Viele Schiffe stachen mit einem harmlosen, vorgeschobenen Auftrag in See. Natürlich waren die Kisten verschlossen gewesen, und natürlich durfte ich nicht einfach in die Kapitänskajüte gehen, um dort in den Karten und Notizen zu wühlen. Und ja, ich war auch neugierig und dumm gewesen.

Der Kapitän konnte keinen Schnüffler in seiner Besatzung dulden, das war mir klar. Aber mit der Goldmünze hatte ich nichts zu tun. Wahrscheinlich hatte der Idiot sie einfach verlegt und fand sie nicht wieder, falls es sie überhaupt gab. Wenn sie so einen unschätzbaren Wert hatte, warum bewahrte er sie nicht an einem sicheren Ort auf? Er behauptete, sie habe zuletzt auf seinem Tisch gelegen. Auch daran zweifelte ich. Vielleicht wollte er mich einfach nur loswerden.

Jetzt war es nicht mehr zu ändern. Der Kapitän hatte mich vor versammelter Mannschaft beschuldigt und angeklagt. Als der Steuermann, ein ehrenwerter Mann, darauf hinwies, dass man mich vor ein ordentliches Seegericht stellen müsse, fuhr der Kapitän ihm nur barsch über den Mund. Für ihn war der Fall entschieden und die Strafe umgehend verkündet.

Man setzte mich mit Wasser und Brot in ein kleines Boot mit Paddel und überließ mich vor der Küste der Ironlande meinem Schicksal.

Ein Todesurteil war das nicht, das muss ich fairerweise sagen, die Küste war in Sicht. Aber sie hätten mich ja auch direkt an die Bucht bringen können.

Mein Boot ließ ich am Kiesstrand liegen und suchte die nächste Gaststätte auf, weil ich einen Bärenhunger hatte.

Das Stew schmeckte grauenvoll und das Brot war hart wie Stein, aber es war der einzige Ort am Hafen, an dem es was zu essen gab.

Der Wirt hatte mir die ganze Zeit schweigend zugehört. Er sagte immer noch nichts, sondern nickte nur kurz.

„Dann hast du ja noch mal Glück gehabt. Heute ist dein Glückstag.“

Er klopfte mir auf die Schulter und lachte. Ein Witzbold, also.

„Iss dein Stew, meine Frau hat es heute Morgen gekocht.“

Es war fürchterlich zubereitet, der Fisch und die Kartoffeln verkocht, das Gemüse in viel zu große Stücke geschnitten und noch nicht gar. Gewürze fehlten völlig. Gab es in diesem Nest kein Salz? Von Pfeffer und frischen Kräutern will ich gar nicht erst reden.

„Hier in Kildrin wirst du immer Arbeit finden, und ein Dach über dem Kopf. So, wie du aussiehst, frisst du einem ja nicht gerade die Haare vom Kopf.“

Solche Bemerkungen musste ich mir öfter anhören, ich war dünn, aber zäh. Und wenn es darum ging, anzupacken, war ich zur Stelle. Diese Küche hätte einen ordentlichen Koch gebraucht.

„Hast du Arbeit für mich? Ich könnte dir hier helfen.“

Ich fragte frei heraus, er schien vertrauenswürdig zu sein.

Ich wurde schon oft übers Ohr gehauen und musste vorsichtig sein. Einmal habe ich für einen Bootsmacher einen Monat lang gearbeitet. Er hatte mir Essen gegeben und ein Schlaflager in seiner Hütte zurechtgemacht. Am Ende des Monats sollte ich einen angemessenen Lohn für meine Arbeit bekommen, das war so ausgemacht, aber als wir mit dem Boot fertig waren, hatte er behauptet, dass ich nicht gut genug gearbeitet hätte und bestritten, mir jemals für die Arbeit Geld versprochen zu haben.

In der letzten Nacht schlich ich mich in seine Kammer und nahm eine Flasche von seinem besten Whiskey aus dem Regal. Er hütete seine Whiskeys wie einen Schatz. Die Flasche war noch verschlossen. Ich packte meine wenigen Sachen zusammen und flüchtete in die vom Mond hell erleuchtete Nacht. Ich habe die Flasche nicht gestohlen, ich hatte sie mir verdient. Noch in derselben Nacht entkorkte ich die Flasche. Der Whiskey schmeckte hervorragend, ölig schmiegte er sich um meine Zunge und erfüllte mich mit einem Orchester von Aromen. Ich soff mich in die Nacht und verschmolz mit dem Moos, auf dem ich lag. Ich weinte den Mond über mir an.

Wenn der Bootsmacher erfahren hätte, dass seine Tochter und ich miteinander gebuhlt hatten, hätte er mich umgebracht.

Im Mond sah ich ihr Gesicht. Ich war nicht verliebt, ich war nur betrunken und sentimental.

Wie auch immer, ich brauchte Geld.

Der Wirt sah mir scharf in die Augen, dann lachte er. Er lachte wohl sehr gerne.

„In Ordnung, du bist vielleicht kein schlechter Kerl, nur ein Trottel mit Pech. Ich heiße Conor.“

Er hielt mir seine große, schwielige Hand hin.

„Cedric.“

Wir gaben uns die Hand.

„Wenn du willst, kannst du hier arbeiten, meine Frau Liz braucht Hilfe in der Küche.“

Ganz offensichtlich brauchte Liz Hilfe beim Kochen.

„Eine Frage habe ich noch.“

„Schieß los.“

„Warum heißt die Gaststätte Zum Falken“?

Er zuckte mit den Schultern.

„Nur so.“

Eine junge Frau kam an unseren Tisch, nahm meinen halbvollen Teller und wischte mit einem Lappen den Tisch gründlich sauber als hätte ich alles vollgekleckert.

„Das ist meine Tochter Nia.“

Conor und Nia sahen sich lächelnd an. Mich würdigte sie keines Blickes.

„Wenn du fertig bist, kannst du gleich anfangen.“

Conor stand auf und ging zurück hinter die Theke. Nia brachte den Teller in die Küche. Ich folgte ihr mit Abstand.

„Mama, das ist unser neuer Knecht.“

Mein letzter Rest Stolz landete mit dem Stew aus meinem Teller in der Schweinetonne.

Liz sah mich strahlend mit roten Backen an.

„Na, dann mal los, junger Mann. Das Geschirr muss gespült werden. Meine Gesundheit ist nicht mehr die beste, ich kann Hilfe brauchen.“

Ich spülte sämtliches Geschirr. Die Arbeit war schnell erledigt, von der Schiffsarbeit war ich anderes gewohnt. Liz zeigte mir ihre Vorratskammer. Jeden Tag bekamen sie frischen Fisch. Manchmal Fleisch, so wie heute, da hatte ihnen Haldor ein ganzes Lamm gebracht. In den Regalen stand eingemachtes Gemüse, auf dem Boden standen Säcke mit Getreide und eine große Kiste mit Kartoffeln. In den nächsten Tagen brachte mir Liz alle Rezepte bei, die sie kannte. Liz war ein wandelndes Kochbuch und kannte viele Rezepte. Nur gelingen wollte ihr keins.

Wenn Conor etwas zu erledigen hatte, stand Nia hinter der Theke. Niemand hätte es gewagt, ihr zu nahe zu kommen, sonst hätte Conor ihn zu Brei geschlagen. Wenn Nia allein im Schankraum war, hatte sie immer ein Messer in der Hand oder am Gürtel. Das schüchterte auch die Fremden ein.

Einmal hatte ein Fremder versucht, die Zeche zu prellen, er wollte sich aus dem Raum stehlen, aber als er die Tür erreichte, flog ein Messer von hinten neben seinem Kopf vorbei und blieb mit einem dumpfen Geräusch tief in der Tür stecken.

„Hiergeblieben!“

Ihr Ruf brachte den ganzen Raum zum Schweigen. Nia ging mit einem Messer auf den Mann los und flüsterte beinahe freundlich:

„Hast du nicht noch etwas vergessen?“

Der Fremde holte mit zitternden Händen ein paar Münzen aus der Tasche. Nia prüfte sie, steckte sie ein, zog das Messer mit einem Ruck aus der Tür und sagte freundlich, in jeder Hand ein Messer: „Nächstes Mal treffe ich.“

Niemand in dem Raum hegte den leisesten Zweifel daran.

Sie war nicht besonders groß, konnte aber furchteinflößend sein.

Kiara trug immer eine weite Strickjacke oder einen großen Schal, der ihren Rücken bedeckte. Sie hatte einen stechenden Blick und manchmal ein seltsames Blitzen in den Augen. Sie sah mich nie direkt an und wendete den Kopf ab, wenn ich ihr begegnete. Ich fragte mich, ob mein Anblick für sie so abstoßend ist.

Sie kam nur in die Küche, um dreckiges Geschirr abzustellen oder Bestellungen aufzugeben. „Einmal den Heilbutt.“ Viel mehr redete sie mit mir nicht. Für Heilbutt entwickelte ich ein eigenes Rezept mit Tang, Wacholder und Sauerampfer. Immer mehr Leute kamen wegen des Essens in den Falken.

So kam ich nach Kildrin. Und so wurde ich vom Schiffsjungen zum Koch. Nia nannte mich immer nur „Knecht“.


Veröffentlicht

in

von

Schlagwörter:

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert